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    März 2021: Die modernen Wanderarbeiter*innen

    Buchtipp

    März 2021: Die modernen Wanderarbeiter*innen

    Die modernen Wanderarbeiter*innen-Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte Unrast- Verlag Die modernen Wanderarbeiter*innen-Arbeitsmigrant*innen im Kampf um ihre Rechte


    Autor ist u.a. unser bayerischer ver.di Kollege Stefan Dietl

    Das Buch beschäftigt sich nicht nur mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von Wanderarbeiter*innen in Deutschland;
    ihrem Widerstand gegen Ausbeutung und Entrechtung
    oder dem Arbeitskampf von Erntehelferinnen und Erntehelfern
    auf dem Spargelhof Ritter zu dem sich ein Interview mit einer der Streikenden im Buch findet.

    Des Weiteren wirft es auch einen Blick auf die Klassengesellschaft
    in Zeiten der Pandemie- beispielsweise behandelt es die massenhaften Corona-Infektionen in der deutschen Fleischindustrie. Es beschreibt die mangelnden Schutzmaßnahmen in den Schlachthöfen, die Arbeitsbedingungen die den Virus befördern, die unhygienische Unterbringung und wie Behörden durch das verhängen von sogenannter Arbeitsquarantäne statt der Schließung der Schlachtfabriken die Ausbreitung des Virus billigend in Kauf nehmen. Ebenso beschäftigt sich das Buch mit der Verbreitung des Virus im landwirtschaftlichen Sektor. Es schildert die Einreise von Erntehelfer*innen in vollgestopften Flugzeugen und Bussen unter Missachtung sämtlicher Hygienemaßnahmen,
                                                               die Unterbringung in Mehrbettzimmern oder Containern in denen sich
                                                               mehrere Menschen Dusch- und Waschgelegenheiten teilen und tagtäglich
                                                               eng auf eng leben und arbeiten.

    Inhalt:
    In einer Welt, die sich zunehmend wirtschaftlich, sozial und politisch vernetzt, spielen grenzüberschreitende Arbeits- und Produktionsverhältnisse eine immer größere Rolle. Innerhalb Europas hat insbesondere die zeitlich befristete Arbeitsmigration deutlich zugenommen.
    Gerade Deutschland hat sich zu einem der wichtigsten Zielländer für die wachsende Zahl moderner Wanderarbeiter*innen entwickelt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie nur vorübergehend in einem anderen europäischen Land arbeiten. Für sie hat sich inzwischen der Begriff »mobile Beschäftigte« etabliert. Ihre Arbeit in Deutschland ist gekennzeichnet durch extreme Ausbeutung, lebensgefährliche Arbeitsbedingungen, Lohnraub und die Umgehung arbeitsrechtlicher Normen.
    Das Buch beschreibt die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse, die den Alltag der Betroffenen prägen und die zuletzt, beispielsweise in der Fleischindustrie und im landwirtschaftlichen Sektor, auch medial für Aufsehen sorgten. Daneben skizziert es die bisher wenig beachteten Ansätze der gemeinsamen Organisierung von Wanderarbeiter*innen zur Verbesserung ihrer Situation, von Streiks, über Baustellenbesetzungen und Demonstrationen bis hin zu der Frage, wie es gelingen kann, sich unter diesen prekären Bedingungen zu organisieren und welche Rolle Gewerkschaften dabei spielen können.

    Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeits- und Lebensbedingungen von zeitlich befristeten Arbeitsmigrant*innen in Deutschland.
    Zum Beispiel von Nicolae Bahan. Er kam im Frühjahr 2020 gemeinsam mit seiner Frau als Erntehelfer aus Rumänien ins baden-württembergische Bad Krozingen um Spargel zu stechen.
    Am 11. April 2020 starb er. Nach seiner Ankunft in Deutschland hatte er sich mit dem Coronavirus infiziert. Vor seinem Ableben klagte Nicolae Bahan über Husten und Schnupfen konnte jedoch keinen Arzt aufsuchen. Auf das Coronavirus wurde er erst nach seinem Tod getestet.

    Im Nachgang wurde von landwirtschaftlichen Verbänden das Gerücht in die Welt gesetzt, Bahan sei übergewichtig gewesen und an einem Herzinfarkt gestorben. Eine Falschbehauptung, die auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, Tage nach Feststellung der Todesursache und der bestätigten Coronainfektion von Nicolae Bahan, in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz einem Millionenpublikum als Erklärung präsentierte.

    Oder von Mario Muzur-  er kam als Wanderarbeiter aus Kroatien um auf Baustellen in Süddeutschland zu arbeiten, als seine Frau gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger war. Als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieb, wurde ihm suggeriert, er wäre als sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter angestellt und entsprechend bei den Behörden gemeldet.
    Vier Monate später stürzte er auf einer Baustelle in Stuttgart von einem schlecht gesicherten Baugerüst. Seitdem ist Mario Muzur querschnittsgelähmt. Als Bauarbeiter wäre er eigentlich bei der Berufsgenossenschaft BAU versichert gewesen, die nach einem Unfall die Heilbehandlung, das Verletzten- und Übergangsgeld und eine lebenslange Berufsunfähigkeitsrente übernimmt.
    Mario Muzur war jedoch - ohne sein Wissen und unter Ausnutzung seiner nur rudimentären Sprachkenntnisse - als Scheinselbstständiger beschäftigt worden. Zudem war er lediglich über eine Reiseversicherung, die Unfälle nicht abdeckt, krankenversichert.
    Dreieinhalb Jahre des juristischen Kampf - mit Unterstützung der Gewerkschaften - dauerte es bis er sich nachträglich den Arbeitnehmerstatus erstreiten konnte.

    Erscheinungsdatum: März 2021:
    https://www.unrast-verlag.de/vorankuendigungen/die-modernen-wanderarbeiter-innen-detail?fbclid=IwAR3BG_Qzwb3sd0PhFlgoeAPfyAjlVXVLThzT4b6qcNwvUqfmoPpEBWW1n1c